Eine Suche nach Privatsphäre im Kriegsgebiet

Wenn Krieg herrscht, verlieren viele Dinge an Bedeutung, wie Geld,  Zeit, Bildungsabschlüsse. Andere gewinnen an Wert, wie die Privatsphäre.

von Roshak Ahmad

„Ihab“, 23 Jahre alt, hat diesen Wandel erlebt. Süd-Damaskus 2013 ist fast drei Jahre nach dem Beginn des Aufstandes nahezu komplett blockiert. Nur wenige Menschen sind hiergeblieben wie er. Ihab stand kurz vor dem Abschluss seines Ingenieurstudiums, ein gutaussehender junger Mann mit glattem schwarzem Haar, sportlicher Figur und dunklen strahlenden Augen. Er hat immer ein nettes Lächeln im Gesicht und manchmal ein lautes Lachen.

Ich weiß es nicht, ob er die „Kriegspille“ Captagon schluckt wie die meisten Kämpfer hier. Captagon ist der Markenname des Amphetamin-Derivats Fenetyllin – ein Wirkstoff. Die Droge kurbelt die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit an und unterdrückt Müdigkeit und Schmerzen. Er wäre wahrscheinlich nicht stolz darauf. Als Reporterin habe ich eine Truppe von Dutzenden von Männern getroffen und über die Kämpfe hier für die Nachrichten und Medien berichtet. In dieser Zeit habe ich auch Ihab kennengelernt. Er ist der einzige Scharfschütze in seiner Truppe. Er hat keine militärische Ausbildung und ich habe noch nie gesehen, dass er sein Ziel getroffen hat.

An einer Nacht marschieren wir auf dem Weg von der Front zurück zum Stützpunkt über lange Straßen. Manchmal fahren Autos ohne Licht an uns vorbei. Die tiefe Dunkelheit darf nicht gestört werden. Sonst macht man sich für die Scharfschützen des Regimes sichtbar. Heute ist ein Teil der Truppe, knapp 10 Männer, zu Fuß unterwegs. Ich kann die Gesichter der Menschen neben mir nicht erkennen und man muss nicht viel reden. Der Weg erfordert volle Konzentration. Man muss immer wach sein, immer den Himmel im Auge behalten, am besten weiß man, ob man einen Unterschlupf suchen oder weiterlaufen muss, wenn man der Richtung folgt, aus der die Schüsse und Mörser kommen. Dennoch ist dies die beste Gelegenheit, zu sich selbst zurückzukehren, denn hier wird nichts geplant, nichts bekämpft.

Die Truppe darf nur in solchen Momenten zurück in die innere Welt kehren, zu dem, was jeden individuell wirklich beschäftigt. Ihab kümmert sich nicht um die Gegenwart, weil er sich gezwungen fühlt, ihr anzugehören, und er kümmert sich nicht um die Zukunft, weil er sich damit abgefunden hat, dass er keine haben wird. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er erschossen oder seine Bleibe bombardiert wird.

Alles, was ihn beschäftigt, sind die Erinnerungen an seine Vergangenheit, als er saubere Zivilkleidung trug, sein glattes Haar mit Gel pflegte und sich dann mit seiner Geliebten in der Mensa der Universität traf, um in der Altstadt von Damaskus spazieren zu gehen und gemeinsam Schawerma-Wrap zu essen. Zwischen Schlachten und Streitereien träumt er nur von Liebe und Schawerma, beides sei hier unerfüllbar, sagt er. Man muss sich hier auf die grundlegenden Dinge konzentrieren.

Die Gegend muss ohne Strom auskommen; die Menschen lernen schnell, im Dunkeln zu leben. Aber es ist Winter, also sind die Nächte lang und sehr kalt, denn ohne Strom und andere Brennstoffe kann man nicht heizen, geschweige denn warm duschen. Wärme, Licht, saubere Kleidung sind Luxus. Es reicht zum Überleben, wenn man jeden Tag etwas zu essen bekommt. Doch Lebensmittel zu finden, ist eine echte Schwierigkeit. Denn die Läden sind alle längst ohne Besitzer. Selbst wenn man Geld hat, kann man nirgendwo Lebensmittel kaufen. „Am Anfang haben wir aus den Läden genommen, was wir brauchten, zum Beispiel Reis, Burgul, Linsen, und dann haben wir Geld dagelassen. Für den Fall, dass die Besitzer eines Tages zurückkommen. Denn wir sind zwar am Verhungern, aber wir sind keine Plünderer.“
Irgendwann jedoch war nichts mehr in den Läden, sagt Ihab, er hat auch kein Geld mehr. Also fing er an, in verlassene Wohnungen einzubrechen und nach Lebensmitteln, Kleidung, Schuhen und Medikamenten zu suchen. Er erzählt, dass er nur das mitnimmt, was er und seine Truppe wirklich braucht. Und dann einen Zettel hinterlässt mit einer Entschuldigung und einer Liste der Dinge, die sie mitgenommen haben. „Wir werden es eines Tages zurückgeben, wenn wir alles überlebt haben“, sagt Ihab.

In dieser Nacht, wie in jeder Nacht, muss jemand aus der Truppe die Aufgabe übernehmen, Essen für die ganze Truppe zu finden. Heute ist Ihab an der Reihe. Einige sagen sarkastisch, was sie wollen. „Bring bitte drei Eier und Käse mit“. Ihab macht sich auf den Weg. Die Dunkelheit ist der perfekte Schutz vor der Armee und den regierungsfreundlichen Kämpfern, die das Gebiet blockieren. Die verlassenen Häuser liegen immer näher an der Frontlinie. Denn seit ein paar Monaten haben die im blockierten Gebiet Gebliebenen die sicheren Orte durchsucht und alles wird von dort mitgenommen. Ihab findet eine neue Wohnung, die noch nicht geräumt ist.

In der Wohnung muss er immer kriechen, damit die anderen auf der anderen Seite der Front keine Bewegung bemerken. Er kann nicht genau wissen, was er finden wird, muss alles anfassen und erraten, was es ist. Ich warte im Treppenhaus vor der Wohnungstür. Nach endlosen dreißig Minuten ist er rausgekommen, aber es ist klar, dass er kein Essen dabeihat und dass er viel riskiert hat, um mit so einem rissigen Ding unauffällig rauszukommen. Es ist etwa 1×1 m groß. Seine Augen leuchten in der Dunkelheit voller Freunde. In der Basis schauen alle enttäuscht und fragen, was das ist. Begeistert erzählt er, dass er nur ein Zelt finden konnte und dass er sich darüber sehr freut, denn drei Jahre lang konnte er in keinem Zimmer mit geschlossener Tür und nur einen Moment mit sich selbst allein sein. „Wir haben uns daran gewöhnt, ein paar Tage ohne Essen zu überleben. Aber das ist für mich notwendig“, sagte Ihab. Als er schließlich das „Zelt“ öffnete, war er überrascht. Es war kein Zelt, sondern ein Hochzeitskleid. Wohl von einer jungen Frau, die ihr Haus und auch das Kleid verlassen musste. Einige lachten. Andere mussten an ihre Versprechen an ihre frühere Liebe denken. Eine Nacht, die wieder ohne jede Privatsphäre und mit leerem Magen endete. Alle schliefen im selben Raum neben oder umarmten ihre Gewehre.

 

Foto: T Foz/unsplash.com

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