Wie geht es Erzieher*innen?

Kathrin Nowak ist Erzieherin in einer Kita. Nach den Ferien wechseln einige Kinder in eine größere Gruppe für über Dreijährige. Heute, an einem Tag im Juli, werden sie verabschiedet. Was haben sie im letzten Jahr gelernt? Und wie?

von Lisa Mika

Es ist acht Uhr morgens, als Kathrin Nowak die schweren Glastüren aufschließt und eine große Regenbogenflagge in den Innenhof hängt. Die Kita St. Agnes in Hamm hat geöffnet. Kathrin läuft schnell durch ihre Gruppenräume und bereitet sie auf den Tag vor: Knapp zehn Jahre betreut sie nun die Mondgruppe, in der alle Kinder unter drei Jahre alt sind.  Heute ist nur die Hälfte von ihnen da, denn es ist Sommerferienstimmung und einige sind mit ihren Eltern bereits in den Urlaub gefahren. Es ist ein ruhiger Tag im zweistöckigen Haus. Deshalb bleibt viel Zeit, um die Kinder zu verabschieden, die nach den Ferien in eine Gruppe für Ältere kommen. Ihre Gruppe betreut Kathrin zusammen mit zwei weiteren Erzieherinnen. An ihrem Beruf mag sie am liebsten, Entwicklungen zu beobachten und festzustellen, wie viel offener und selbstständiger die Kinder werden.

Kathrin freut sich auf die Ferien, aber auch darüber, dass seit die Corona-Inzidenz niedriger ist, alle Kinder wieder regelmäßig kommen können. Die Flagge, die sie zur Öffnung heraus gehangen hat, ist „ein öffentliches Zeichen dafür, dass jeder bei uns willkommen ist, egal welche Hautfarbe oder sonstige Lebensweise“. Während des Corona-Lockdowns konnten nur Eltern mit ‚systemrelevanten’ Berufen ihre Kinder unter Voraussetzungen in die Notbetreuung bringen. In dieser Zeit hatte Kathrin auf der Arbeit auch Angst; gerade weil die anwesenden Kinder aus Elternhäusern kamen, welche eben nicht aufs Homeoffice umlenken konnten und dadurch besonders sensibel für eine Infektion waren. Sie baut mit einem Jungen einen Turm aus Holzperlen als sie erzählt: „Ich fühlte mich gefährdet und habe gedacht: ‚Wann handelt jemand mal?'“ Ihre Kolleginnen nicken. In diesem Moment kommt ein Vater mit seinem Kind zur Gruppentür. Manche Eltern haben nach dem Winter-Lockdown die Kita zum ersten Mal von innen gesehen: Lange Zeit war es nicht möglich, den Hausflur zu betreten. Die Entwicklung eines Kindes ließ sich im letzten Jahr nur mit langen Pausen begleiten. „Die Kinder haben den Weg zurück aber selbstsicher gefunden“, sagt Kathrin.

In dieser Kita gibt es die Gruppe für Kinder unter Dreijährige seit 2012. Der Druck auf Eltern, nach einer Geburt schnell wieder zu arbeiten, ist heute höher. Kathrin betreut die Gruppe seit der Gründung und bestätigt, dass das Eintrittsalter zunehmend jünger wird. „Nach den Ferien haben wir den jüngsten Gruppendurchschnitt überhaupt, mit Kindern ab vier Monaten“, sagt sie. „Es wird also eine Weile dauern, bis sich alle selbstständig zurecht finden“. Selbständigkeit ist hier ein wichtiges Stichwort. Jedes Kind, das morgens herein kommt, sucht sich an einer Magnetwand aus, wie es heute von Kathrin begrüßt werden möchte. Ein Mädchen greift zum Magnet auf dem ein Winken abgebildet ist und ein Junge wünscht sich die Umarmung. Kathrin gibt ihnen in diesen Momenten die volle Aufmerksamkeit und kommt ihrem Wunsch nach. Danach nehmen die Kinder weitere Magneten, auf welchen je ein Foto von ihnen klebt, und laufen damit quer durch den Gruppenraum. Vorsichtig kleben sie die Fotos dort auf eine andere Tafel, als Zeichen, dass sie angekommen sind.

Kathrin setzt sich als Erzieherin mit Teilhabe auseinander. Immer wieder stellen sie und ihre Kolleginnen die Kinder vor Fragen nach ihrer Meinung oder geben ihnen eigene Handlungsaufträge. Sie erzählt: „Es geht darum zu sehen, wer gerade was braucht. Diese Bedürfnisse erfragen wir und gehen darauf ein. Dadurch fühlen die Kinder sich gesehen, erfahren sich als wirksam. Sie lernen auch das Nein- Sagen oder Grenzen abzuschätzen“. Beim gemeinsamen Frühstück bemerken die Erzieherinnen in einem bewunderndem Ton, dass ein Kind nun erstmalig das Wort „ich“ für sich genutzt hat. Für etwa eine Stunde geht es dann nach draußen, auf den Spielplatz. Ein Kind läuft zu Kathrin und fragt: „Sind noch Seifenblasen da?“ Mit Erfolg: Kurze Zeit später wehen die glänzenden Blasen durch die Luft. Schnell sammeln sich alle in einem Kreis. Jede*r will einmal an der Reihe sein. Nacheinander pusten sie dann, mal vorsichtig oder stürmischer. Ein Foto wird geknipst: „Zur Dokumentation!“

Kathrin will die Kinder in möglichst alle Entscheidungen des Tages mit einbeziehen. Sie erzählt auch, dass es gerade unter Zeitdruck manchmal Punkte gibt, an welchen sie merkt, dass sie einem Kind eine Entscheidung, die es selbst treffen könnte, vorweg nimmt. In der Vergangenheit hat die Gruppe an einer Studie zu Partizipation und Selbstwirksamkeit teilgenommen, bei welcher ihr solche Momente gespiegelt wurden. Gerade das hat dazu beigetragen, dass sie sich nun bewusster reflektiert, um diese Momente zu verringern.

„Nur gespielt“ wurde an diesem Tag in der Kita jedenfalls nicht. Kathrin begleitet als Erzieherin täglich wichtige Momente und kann als Bezugsperson Kinder bei ihrer Entwicklung unterstützen. Es wurde sich gekümmert, beraten, abgestimmt, organisiert und gefördert. Dafür muss es auch in Zukunft Zeit, Räume und finanzielle Mittel geben, um sich an Bedürfnisse anzupassen.

 

Foto: Lisa Mika

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