Nachtleben

Nachtschicht

Johannes arbeitet in einer Therapieeinrichtung für suchtkranke Menschen. In seiner Freizeit nimmt er die Substanzen, von denen seine Klienten loskommen sollen. Wie passt das zusammen?

von Bao-My Nguyen

Zwanzig Stunden nach seiner Nachtschicht öffnet Johannes seine Wohnungstür in einem Hochhaus in Friedrichshain – das Haus wirkt genauso grau wie der wolkenverhangene Himmel an diesem Sommertag. Seine weißblonden Haare fallen ihm ins Gesicht. Es ist 14 Uhr, im Hintergrund wummern die Bässe, dröhnen die Technobeats. Eine Mischung von Marihuanageruch und Zigarettenqualm zieht in den Hausflur. Er streicht sich die Strähne hinter das Ohr und führt in die Wohnung. Der Techno schwillt an. Johannes setzt sich in seinem Zimmer aufs Bett, zwischen einem Dutzend Personen, die sich über die Musik hinweg fast schon anbrüllen.

Johannes hat in seiner Wohnung zu einer Prehour geladen, zu einem Vortrinken vor dem Rave. Nur, dass hier wenig Alkohol fließt. Bei den zwölf Gästen macht ein viereckiger Spiegel mit weißem Pulver die Runde, parallel dazu wandert ein Joint in die entgegengesetzte RichtungIn der Nacht zuvor hatte Johannes Dienst, von 18 Uhr bis halb neun Uhr morgens hat er in einer Therapieeinrichtung für suchtkranke Menschen betreut, die an ihrem Entzug arbeiten. Von seinen Freunden wird er dafür oft neckend aufgezogen: Der Drogenberater, der nach seiner Schicht selbst die Drogen zum Feiern nimmt. Seinen echten Namen will er deswegen nicht öffentlich nennen.

Johannes sitzt im Schneidersitz, als der Spiegel bei ihm ankommt. Er trägt ein über Kreuz gewickeltes, eng anliegendes Top, seine Hände stecken in Bikerhandschuhen. Er nimmt den Spiegel von seiner Vorgängerin entgegen und legt ihn auf seinen Schoß. Dann kramt er ein halbvolles Tütchen mit weißem Inhalt aus seiner Hosentasche, reißt den Verschluss auf und klopft mit der Öffnung sachte auf die Spiegeloberfläche. „Will jemand Keta?“, ruft er in den Raum. Neben ihm nickt jemand, einige schütteln den Kopf. Er neigt sich nach vorne und schnupft mit einem metallenen Röhrchen die weiße Line.

„Die Nachtschicht geht bei uns ein wenig länger“, grinst er und dreht sich eine Zigarette. Er hat vor der Prehour kaum geschlafen. Maximal zwei Stunden, sagt er. „Aber dafür gibt es ja Speed.“ Auf die Arbeit kann er sich nicht begleiten lassen – die bleibt ein „safer Rahmen für die Klienten“. Wo genau die Einrichtung liegt, möchte er auch nicht verraten.

Dennoch erzählt Johannes ohne viel Aufhebens von seiner Arbeit. Einen Konflikt zwischen seinem Beruf und seinem Lifestyle sieht er nicht. „Fast jede Person konsumiert Drogen“, sagt er, „es ist eben die moderne Art zu leben.“ Er sei davon überzeugt, dass in jedem Menschen ein gewisses Suchtverhalten angelegt ist. Dazu gehört seiner Meinung nach auch, dass man Betäubungsmittel missbraucht. Das hilft ihm, sagt er, auch seine Klienten besser zu verstehen.

Jetzt, in der Prehour, sitzt er zwischen seinen Freunden, die abwechselt Ketamin und Speed auf den Spiegel legen und danach am Joint ziehen. Regelmäßig steht Johannes auf und dreht eine Runde im Raum. Fragt seine Gäste im weichen Tonfall, ob sie etwas brauchen, und ob es ihnen gut geht. Manchmal verharrt er einen Augenblick, sein Blick leer. Dann blinzelt er, als wäre ihm gerade etwas eingefallen. „Ah!“ Er schnipst. „Wasser. Das wollte ich holen.“ Er verschwindet aus dem Raum und kommt einige Minuten später mit einer Karaffe in der einen Hand zurück, die er einer jungen Frau in die Hand drückt. Mit der anderen Hand formt er ein halbes Sprachrohr um seinen Mund: „Lasst uns mal langsam losgehen.“ Dann klaubt er ein Barrett aus dem Regal und zupft es auf seinem Kopf zurecht. Es geht zum Deus Temple, einem Club im äußeren Stadtbezirk Lichtenberg. Nur zäh bewegt sich die Truppe aus Johannes’ Zimmer.

Vielleicht wird Johannes bald auch in Clubs arbeiten. Er erzählt, dass er schon lange mit einem Projekt zusammenarbeitet, dass Infostände in Clubs betreut und über Drogen aufklärt. Er würde sich dann auch um diejenigen, die „drüber“ sind kümmern. „Akzeptierende Drogenarbeit“, nennt Johannes das.

Kurz bevor Johannes dann seine Wohnung verlässt, kommt eine junge Frau zu ihm und hält ihm den mittlerweile weiß angestaubten Spiegel unter die Nase; die zwei aufgebahrten Lines sind im Durcheinander kaum erkennbar. „Nein, danke“, sagt Johannes, greift nach dem Spiegel und legt ihn sachte auf das Bett. Die nächste Nase Ketamin nimmt er wohl erst auf der Clubtoilette.

 

Foto: Alexander Popov/unsplash.com


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