„Man fühlt sich manchmal wie ein kleiner Star“

Anastasia Hille hatte mit 18 Jahren ein sicheres Leben als Verwaltungsfachangestellte vor sich – doch ihre wahre Leidenschaft war schon immer die Musik. Ein „bloßes Hobby“ zum Beruf zu machen, dafür fehlte ihr der Mut. Doch als sie ihre Kreativität nicht ausleben kann, will sie ein neues Leben anfangen.

von Egzona Hyseni

Anastasia Hille ist erst 21, aber sie hat ihr Leben schonmal um 180 Grad gedreht. Hille sitzt in einem Café in Freiburg, unter den anderen Gästen fällt sie auf mit ihren knallroten Haaren, der lauten Stimme. Sie ist Musicaldarstellerin, gerade kommt sie aus Budapest, dort war sie bei einem Casting. „Ich habe gerade einen tollen Job bekommen“, sagt sie und strahlt zufrieden. Fünf Monate Kreuzfahrt, jeden Abend Shows – sie könnte sich, das merkt man, nichts Schöneres vorstellen.

Aber warum ist sie nicht gleich den Weg der Musik gegangen? Bereits während der Schulzeit hat Anastasia in Bands gesungen und Musik gemacht. „Mein Berufswunsch war schon immer die Musik. Aber mir wurde immer eingeredet, dass Musik eine brotlose Kunst ist, dass Musik ein Hobby ist, aber niemals ein Beruf sein kann.“ Deswegen traute sie sich nach der Schulzeit nicht, diesen Weg einzuschlagen.

Fünf Tage die Woche trockene Aktenarbeit

Es ist gar nicht so lange her, da war Hille eine andere.  Nach dem Abitur machte sie erst einmal eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten. „Ich hatte keinen Plan für die Zeit nach der Schule“, sagt sie. Warum also nicht etwas Handfestes? Eine Lehrerin hatte von dem Beruf der Verwaltungsfachangestellten erzählt. Hille bewarb sich. Fünf Tage die Woche trockene Aktenarbeit, fünf Tage die Woche das Gleiche – Hille kann man sich in so einem Alltag eigentlich nicht vorstellen.

Schon während der Ausbildungszeit lernt sie Musiker kennen, mit denen sie sich ab und zu zu Musik-Sessions traf. Irgendwann machte sie bei Mondo-Musical mit, einem studentischen Ensemble in Freiburg. Das gefiel ihr so gut, dass sie sich gleich danach der „Good Company“ anschloss, einer anderen Musicalgruppe in Freiburg.

Hille spielte und spielte, sie dachte gar nicht groß darüber nach. Doch dann veränderte sich alles. Ohne sie zu fragen, empfahl sie einer ihrer Musicalkollegen bei dem Freizeitpark Europa-Park für eine dort gerade ausgeschriebene Rolle.

Hille hatte in dem Moment schon mit dem Gedanken gespielt, sich für ein Musikstudium zu bewerben und hatte bereits einen Termin für ein Vorsingen. Ihre Ausbildung hatte sie gerade beendet – und einen Job dort vorsorglich gar nicht erst angenommen. „Ich war gerade einen Tag arbeitslos und etwas verzweifelt“, sagt sie. Da rief jemand vom Europa-Park bei ihr an, lud sie zum Vorsprechen ein.

Um fünf Uhr aufstehen, um 8:50 Uhr die erste Show, bis zu fünf Shows am Tag

Was Hille bei ihrem neuen Engagement erwartete, war keinesfalls ein entspannter Alltag, sondern bedeutete: um fünf Uhr aufstehen, um 8:50 Uhr die erste Show, bis zu fünf Shows am Tag, die letzte um 18 Uhr am Abend. Aber ihr gefällt das, sie genießt die Anerkennung. „Ein paar Fans haben für mich sogar eine Facebook-Fangruppe erstellt. Man fühlt manchmal schon wie ein kleiner Star.“

Obwohl das Engagement im Europa-Park ein Vollzeitjob für Hille ist, gibt sie sich damit nicht zufrieden. Sie nimmt Musiktheorie-, Gesangs-, Gitarren- und Klavierunterricht. Außerdem besucht sie eine Musicalschule in Zürich, an der sie zwei Tage die Woche Unterricht hat. „Eine abgeschlossene Ausbildung in dem Bereich bringt einfach mehr“, sagt sie. Teils sei sie nicht einmal zum Casting eingeladen worden, weil ihr die Ausbildung fehlte.

Seit sie als Musikerin arbeitet, könne sie keine innere Ruhe finden, fühle sich manchmal gejagt. Sie braucht immer neue Projekte. Sie singt in einem Duo, hat gerade erst ein Musicalengagement in einem kleinen Theater in Freiburg bekommen. Dort wird sie über die Sommermonate spielen. Und nun muss sie sogar ein Semester pausieren, weil sie ein fünfmonatiges Engagement auf einem Kreuzfahrtschiff bekommen hat. Von vielen Bewerbern war sie eine von drei, die ausgewählt wurden. „Da waren sicherlich bessere Sänger dabei, aber ich bin ihnen im Kopf geblieben.“

Allerdings ist das Musikerleben auch nicht immer einfach – die meisten sozialen Kontakte beschränken sich auf die Arbeit. In ihrem früheren Arbeitsalltag hatte sie feste Schichten und wusste, sie hat abends noch Zeit für ihre Freunde. Inzwischen hat sie einige Freunde verloren, weil sie selten Zeit hatte. Auch ihre Mutter ist nicht unbedingt begeistert. „Sie würde sich freuen, wenn ich einen normalen Beruf hätte“, sagt Hille.  Und auch die Männer, sagt sie, seien eher abgeschreckt. Dass sie die Welt sehen will, würde manche irritieren. „Aber für mich steht fest, mein Beruf ist die Nummer eins, ich möchte meine Träume verwirklichen.“

Im Café klingelt immer wieder ihr Handy. Mal drückt sie weg, mal telefoniert sie. Sie verabschiedet sich telefonierend. Sie muss jetzt nach Hause und sich auf ihren nächsten Job vorbereiten.

Foto: privat

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