Der Bau Assors

Adolfo Assor ist die einzige Person im Garntheater. Der chilenische Künstler gestaltet sein Gesamtkunstwerk seit 30 Jahren in Kreuzberg. Wie seine Protagonisten und Autoren, befindet er sich im zwischensprachlichen Raum.

von Tomer Dotan

“Ich habe den Bau eingerichtet und es scheint wohlgelungen.” (Franz Kafka, Der Bau)

Am Eingang ins Garn Theater in Kreuzberg muss man die lange Treppen hinuntergehen. Bevor ich links in das wohnzimmermäßig intime Foyer ging, schaute ich nochmals nach oben. Es sah aus, als ob jede Sekunde jemand die Treppen hochziehen kann.

Es ist ein Gefühl, als würde man in ein Loch fallen, aber nicht beängstigend, sondern irgendwie gut. Drinnen im Foyer empfing mich an der Kasse der, den ich später als Adolfo Assor kennenlernte. Den ganzen Abend sah ich keine einzige Person außer Assor, die kein/e Besucher/in des Theaterstücks war. Er verkauft die Tickets, er lässt die Zuschauer rein in den kleinen Raum mit 14 Sitzplätze, er macht sogar die Beleuchtung durch eine Konsole, die hinter einem Vorhang auf der Bühne versteckt ist. Einige Tage später bestätigt er es: Das Garn Theater ist Adolfo Assor, und er allein.

Wer ist Adolfo Assor?

Auf dem Weg zu den Toiletten muss man einen langen Korridor überqueren, umgeben von Gemälden, verschiedenen Teilen von früheren Bühnenaufbauen und vergessene Dekoration, wie Stapel alter Erinnerungen liegen Kostüme aufeinander. Im Korridor, in diesem Schmelztiegel der theatralischen Zeit, koexistieren unterschiedlichste Welten nebeneinander, die eines gemeinsam haben: Sie sind von Assor geschaffen, gebaut, gemalt. Sie waren mal Teil seiner Inszenierungen.

Ich sitze im kleinen Café um die Ecke von dem Garn-Theater. Adolfo tritt ein und wird sofort von den Mitarbeitern persönlich gegrüßt. Nach einem kurzen Smalltalk sieht er mich und grüßt mich, er nimmt Platz. Als wir uns vor einigen Tagen in seinem Theater unterhalten haben, erzählte er, dass er in den Achtzigern aus Chile nach Deutschland gekommen ist. Ich spreche ihn darauf an, und er beginnt gleich zu erzählen.

In Chile war Assor ein bekannter Schauspieler. Er ist mit seinen Performances durch ganz Südamerika gereist, eine Mobilität, die damals sehr ungewöhnlich war. In Valdivia geboren nahm er mit 18 an eine Theatergruppe teil. Im Rahmen der Arbeit hat die Gruppe den Monolog Über die Schädlichkeit des Tabaks von Anton Tschechow bearbeitet. Der junge Assor dachte, er könnte die Rolle spielen, den Monolog sprechen und bot sich dem Regisseur an. Der lehnte die Idee ab mit der Argument, die Rolle, die er übernehmen wollte, sei ein 70-jähriger Mann, und Assor ja offensichtlich noch ein Kind. Assor wollte sich das nicht gefallen lassen. Zuhause inszenierte und bearbeitete er den Text selbst, dann ging er zum Regisseur zurück, zeigte ihm seine Arbeit – und bekam die Rolle.

Später zog Assor nach Santiago um näher an der chilenischen Theater-Szene zu sein. Das realistische Theater störte ihn schon, und grundsätzlich stört ihn die Aufgabenteilung am Theater. Damals wurde das Goethe Institut auf Assor aufmerksam, 1986 schließlich bekam er eine Einladung nach Westdeutschland. Nachdem er dreieinhalb Monate im Staatstheater Kassel gearbeitet hatte, bot ihm der Intendant einen Vertrag an. Obwohl er sofort zu sagen wollte, entschied er sich fürs Risiko und machte seinen eigenen Weg – als Solo-Künstler Adolfo Assor.

Assors Theaterfabrik

Anderthalb Jahre später, zog er nach Berlin. November 1987 gründete er das Garn Theater. Seit 1990 ist es an seinem jetzigen Ort in Kreuzberg. Assor inszeniert hier Texte von Kafka, Dostojewski, Beckett, Ionesco, und Gogol – alle als One-Man-Shows. Existenzialismus, das ist das verbindende Element all seiner Projekte.

Die existenzialistische Philosophie offenbart sich bei Assor nicht nur durch die von ihm inszenierte Texten, sondern durch die ganze Konstellation seines Theaterwerks. Die existenzialistische Annahme, dass der Mensch an sich primär existiert und erst als sekundäre Natur zu etwas (einer Grupper, einer Idee, einer Religion) gehört, fasst Assors Theater als Gesamtkunstwerk in einer Person zusammen. “Das Staatstheater ist wie eine Fabrik”, sagt er, “eine macht die Regie, eine die Kostüme, einige schauspielern. Bei mir ist es mein Werk, ich mache alles”.

Es ist interessant, dass Assor so gern Kafka spielt. Als Sohn einer deutsch-jüdischen Familie in Prag gilt Kafka als der ultimative Schriftsteller der Diaspora.

Die Verwandlung war der erste Text, den Assor von Kafka gelesen hat. Er konnte das Buch einfach nicht aus den Händen legen, sagt er. “Kafka spricht mir direkt ins Herz, er schreibt gut, und seine Texte sind relativ dramaturgisch, als ob er sie für die Bühne geschrieben hätte.” Das erste inszenierte Kafka-Stück bei ihm war aber, In der Strafkolonie. In der im 1919 erschienen Kurzgeschichte wird eine Foltermaschine beschrieben, die Maschine meißelt das Urteil zwölf Stunden lang auf dem Körper der Beschuldigten, dann richtet sie ihn hin.

Zwei Jahre bevor er nach Deutschland kam, hat er sich, wie er sagt, „selbst beschenkt“, indem er Die Verwandlung inszenierte. “Es war mir egal, ob die Leute kommen oder nicht”, meint er. Überraschenderweise war der Abend ausverkauft. “Kafka ist wie mein Zwilling, seine Expressionen, seine Art, er spricht zu mir”.

Die Sanftheit des Deutschen

Wie Kafka, befindet sich Adolfo Assor auch in einem zwischensprachlichen Raum. Sein Deutsch ist mit einem leichten Akzent geschmückt. Ich frage ihn, ob er sich noch fremd fühlt. Nein, sagt er, er fühle sich nicht fremd, es gebe aber Leute, für die er immer fremd bleibe. “Das juckt mich nicht.“ Dann reden wir kurz über die deutsche Sprache, die uns beiden fremd ist, und uns beide trotzdem täglich beschäftigt, weil wir beide mit Sprache arbeiten. Bevor Assor nach Deutschland kam, waren seine einzigen Begegnungen mit der deutschen Sprache Filme über den Zweiten Weltkrieg. Er sagt, er habe ein Bild von einer er hatte ein Bild von einer harten Sprache gehabt. Doch im Laufe der Zeit entdeckte er die Sanftheit des Deutschen. Am Anfang dachte er, Englisch sei die Sprache des Theaters. “Ich weiß nicht warum, wahrscheinlich wegen Shakespeare”, aber als er dem Deutschen näher kam, verstand er, dass sie doch die theatralische Sprache sei.

Wir haben beide unseren Kaffee ausgetrunken. “Hast du eigentlich Theater studiert?”, frage ich. Mir ist aufgefallen, dass er über seine Karriere spricht, ohne etwas wie Studium zu erwähnen. Tatsächlich hat er kurz Schauspielerei studiert, aber nur, sagt er, weil diejenigen die keine Ausbildung hatten, nirgendwo ernst genommen würden. Er hatte Angst gehabt, nach dem Studium “charakterlos” aus der “Fabrik” zu kommen, “Aber,” sagt er und lächelt, “sie haben mich nicht verdorben.”

Nun inszeniert er Kafkas Der Bau, den Monolog eines Tieres, das sich in seinem unterirdischen Bau eingräbt. Die Bühne ist mit ein paar Rampen dekoriert, und Assor bewegt sich zwischen den verschiedenen Flächen. Er klettert und springt, man merkt kaum, dass er inzwischen über 70 ist.

Die Protagonisten im Stück ärgert sich besonders über ein Geräusch, das von außerhalb seines Baus kommt. Kommt etwas für seinen Bau? Fragt er sich, vielleicht für ihn? Und so sitzen wir Zuschauer in einem von Assor gebauten Bau, und hören ab und zu leise die Geräusche der Kreuzberger Katzbachstraße. Es ist, wenn man so will, ein doppelter Bau – im Stück, und in Assors Theater. Es verschwimmt sogar, wer redet: Kafka? Der Protagonist des Stücks? Adolfo Assor? Alle Interpretationen sind gleichzeitig wahr. Doch im Gegenteil zu Kafkas Tier scheint Assor trotz der Geräusche von außen Ruhe in seinem Bau zu finden.

Foto: Garn Theater

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