Und raus bist du!

Wie das deutsche Schulsystem zugewanderte SchülerInnen ins Abseits drängt: Im vergangenen Jahr kamen schätzungsweise mehr als 800.000 Flüchtlinge nach Deutschland– und mit ihnen auch viele Kinder. Nur wie lassen sich all diese Kinder und Jugendlichen ins Bildungssystem integrieren? Ein Interview

von Nadine Mena Michollek

Flüchtlingskinder kommen in Deutschland in sogenannte Vorbereitungsklassen. Das klingt sinnvoll, aber man muss nicht weit in die Vergangenheit schauen, um Bedenken zu bekommen: Schon in den Siebzigern gab es solche Klassen. Damals drängten sie Zugewanderte ins Abseits, sorgten mit dafür, dass viele sich kaum integrieren konnten. Wiederholt Deutschland jetzt denselben Fehler? Wir haben den Erziehungswissenschaftler Frank-Olaf Radtke befragt.

Herr Radtke, Vorbereitungsklassen für Zugewanderte gibt es vor allem an Grund- und Hauptschulen – genau wie vor gut 40 Jahren. Werden heute wieder ausländische SchülerInnen benachteiligt – wie damals?

Ja, das Problem besteht weiterhin. In den Behörden ist man seinerzeit wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass ein Schüler, der die Unterrichtssprache nicht beherrscht, auch sonst nichts kann. So zu verfahren, wäre die Wiederholung eines alten, gravierenden Fehlers. Genauso wie in der Vergangenheit würden die Kinder auf niedrige Schulformen gedrängt. Die zugewanderten Kinder und Jugendlichen haben in ihrem Herkunftsland zum Teil qualifizierte Schulen besucht. Es ist dringend geboten, diese Auffangklassen an allen Schulformen, auch an Gymnasien einzurichten.

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In den Siebzigern war nicht nur das Problem, dass die Vorbereitungsklassen meistens an Hauptschulen waren, sondern diese Klassen selbst haben zugewanderte Kinder und Jugendliche ins Aus gedrängt. Was ist da falsch gelaufen?

Bei den sogenannten „Gastarbeiter-Kindern“ ging es vor allem darum, sie aufzubewahren und ihre Rückkehr zu fördern. Außerdem entstand innerhalb der Schulen ein Parallelsystem mit Ausländerklassen. Die hat man teilweise bis zum Ende der Schulzeit aufrechterhalten. In Vorbereitungsklassen konnten die zugewanderten Jugendlichen keinen Schulabschluss machen. Viele Schüler gingen mit dem Ende der Schulpflicht einfach ab – ohne Abschluss. Formal hießen die Klassen zwar Vorbereitungsklassen, aber tatsächlich haben sie die zugewanderten Schüler von den deutschen separiert.

Führen die Vorbereitungsklassen heute auch zu Segregation und Benachteiligung?

Flüchtlinge wären wiederum benachteiligt, würden die Vorbereitungsklassen vorwiegend von Hauptschulen angeboten. Trotzdem haben wir heute eine andere Situation. Die Bundesregierung hat Deutschland zum Einwanderungsland deklariert. Von allen Seiten wird jetzt rasche Integration gefordert. Die Klassen werden wirklich im Sinne von Vorbereitung auf die Regelschulen gesehen und können dann eine sinnvolle Lösung sein. Dennoch werden auch diese Klassen zu Segregationserscheinungen führen, da Kinder mit Migrationshintergrund eben nicht gleichmäßig auf die Schulformen verteilt sind.

Wie lässt sich verhindern, dass die Kinder in solchen Klassen benachteiligt werden?

Die Vorbereitungsklassen sollten die Funktion eines Crashkurs haben. Das sollte höchstens ein Jahr dauern, besser aber nur drei Monate oder ein halbes Jahr. Die Vorbereitungsklassen müssen nah am regulären Schulablauf sein. Viele Unterrichtsstunden, wie Sport oder Kunst, aber auch Mathematik oder Chemie, sollten bereits gemeinsam mit den anderen Kindern stattfinden. Ziel ist es, die neuen Kinder so schnell wie möglich ins Regelschulsystem zu integrieren.

Sie machen auch das mehrgliedrige Schulsystem dafür verantwortlich, dass ausländische SchülerInnen oft auf Förderschulen oder Hauptschulen überwiesen werden und dadurch viel niedrigere Schulabschlüsse erreichen als deutsche SchülerInnen.

Es ist einfach so: In Deutschland hat jede höherwertige Schulform die Möglichkeit zu sagen: Wenn wir ein Problem mit einem Schüler haben, dann sind nicht wir dafür da, das Problem zu lösen, sondern der Schüler kann in die nächst niedrigere Schulform delegiert werden. Die Schüler abzustufen, ist das Hauptübel des deutschen Schulsystems.

Also haben Flüchtlinge automatisch schlechtere Chancen?

Es ist zu vermuten, weil es bei der „Gastarbeiter“-Anwerbung auch so war. Wahrscheinlich müssen sich die zugewanderten Kinder wieder hinten anstellen. Wenn die Schulen die Wahl haben, werden sie die Schüler nehmen, mit denen sie leichter arbeiten können. Die anderen haben erstmal das Nachsehen und sammeln sich auf „Restschulen“. Bei den „Gastarbeitern“ hat erst die dritte Generation, also die Enkelkinder, es geschafft aufzuholen und höherwertige Schulabschlüsse zu erreichen.

Wenn klar ist, dass das mehrgliedrige Schulsystem Flüchtlinge ins schulische Abseits drängen wird, warum ändern die Länder dann nichts?

Das liegt an der historisch gewachsenen Tradition. Das ist ein überholtes ständisches Schulsystem, das aus dem Kaiserreich stammt; es wird von all denen bis aufs Messer verteidigt, die daraus Privilegien ziehen.

Wäre es denn überhaupt realisierbar, das mehrgliedrige Schulsystem abzuschaffen?

Natürlich ist das realisierbar. Es gibt Länder wie Schweden oder Kanada, die sich als Einwanderungsländer definiert haben und die Integration problemlos vormachen. Dort wird nicht wie in Deutschland aussortiert und ausgesondert. Stattdessen findet eine Individualisierung des Unterrichts statt. Jedes Kind wird nach seinen Bedürfnissen unterrichtet. Das ist eine alte reformpädagogische Forderung – die Geld kostet! Es ist alles eine Frage der Investitionen.

Was passiert, wenn die zugewanderten Kinder und Jugendliche weiterhin benachteiligt werden?

Es muss alles daran getan werden, damit Flüchtlinge sich im Schulsystem nicht länger hinten anstellen müssen. Allerdings werden heute mehr Arbeitskräfte gebraucht als vor 40 Jahren. Der demografische Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften wird das Niveau der Schulabschlüsse heben. Dadurch werden Schüler, die niedrigere Schulformen besuchen, bessere Job-Chancen haben, als in den Siebzigern in manchen Bundesländern.

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Brunhild Kurth, sagte im September 2015 in der „Welt“: „Wir fördern, aber wir dürfen auch fordern.“ Sie sagen in Ihren Publikationen das Gegenteil: Integration, das sei die Aufgabe des Aufnahmelands und nicht die der Flüchtlinge.

Da kann ich Frau Kurth nur sagen, dass sie etwas falsch verstanden hat. Wer die Integrationsdebatte so führt, als gäbe es ein Stöckchen, über das die Zugewanderten erst einmal springen müssen, bevor man sie willkommen heißt, bedient nur populistische Bilder der Fremdenfeindlichkeit. Es ist doch im Interesse des Sozialstaats, dass die Zugewanderten sich hier erfolgreich integrieren können. Das heißt eine Schule besuchen, eine qualifizierte Arbeit finden, eine Wohnung und Ähnliches. Das Aufnahmeland muss alles tun, um eine erfolgreiche Integration zu ermöglichen.

Welche Folgen hat es, wenn das Aufnahmeland die Integrationsleistung nicht erbringt?

Es muss gelingen, die Flüchtlinge so schnell wie möglich aus den Auffanglagern rauszuholen und sie in die Schulen, Sprachkurse, in Beschäftigung und Wohnungen zu bringen. Das muss die Anstrengung sein. Sonst hat man die ganzen Folgeprobleme in Form von Jugendkriminalität und Vandalismus. Das hat uns Frankreich vorgemacht und ich glaube nicht, dass die Bundesrepublik gut beraten wäre, wenn sie das nachmachte.

 


Foto: Adam Patterson/Panos/DFID (Flickr) unter CC-BY 2.0 (oben), Frank-Olaf Radtke (unten)

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