Hauptberuflich: Ehrenamtlich

Sprachgrenzen überwinden, Hände halten, vermitteln: Viele MigrantInnen engagieren sich ehrenamtlich für Flüchtlinge. Die großen Verbände wären ohne ihre Sprachkenntnisse aufgeschmissen – deshalb bekommen einige ehemalige Ehrenamtliche jetzt feste Stellen.

von Anna Mayr

Irgendjemand schreit immer. Und Bahaa Alsayek antwortet immer. Auf Arabisch, Englisch, Französisch, Deutsch. Bahaa ist seit einem Jahr in Deutschland. Seit vier Monaten hilft er am Hamburger Hauptbahnhof Flüchtlingen. Seit drei Monaten wird er dafür bezahlt.

Angefangen hat alles, als es draußen kalt wurde. Auf ihrem Weg nach Skandinavien kamen zahllose Flüchtlinge in Hamburg an, mussten dort bis zur Weiterfahrt ausharren und konnten sich nicht verständig machen. Sie verbrachten die Nacht mit ihren Kindern und Habseligkeiten im und vor dem Bahnhof.

Erst war alles nur improvisiert

Damals waren Alsayek und die anderen Helfer zu acht. Sie organisierten Schlafplätze in Moscheen und Kirchen, gaben Tipps und kauften manchmal einfach nur ein Bahnticket. Mit den Flüchtlingen kamen auch immer mehr Helfer: Irgendwann waren sie 150 Ehrenamtliche, dazu ein achtköpfiges Organisations-Komitee. Gleichzeitig schaltete sich der Paritätische Wohlfahrtsverband ein und stellte Zelte zur Verfügung, in denen Sanitäter und sogar eine Kita unterkamen. Die Infrastruktur war also gegeben – aber ohne die Erfahrung der Ehrenamtlichen, ohne ihre Sprachkenntnisse, würde am Hamburger Hauptbahnhof nichts funktionieren.

Deshalb schrieb der Wohlfahrtsverband Anfang Dezember drei Stellen aus, auf die sich die Ehrenamtlichen bewerben konnten. Es kamen 14 Bewerbungen, eine davon vom Syrer Bahaa Alsayek. Der 28-Jährige hatte erst im November seinen Aufenthaltstitel erhalten und damit die Arbeitserlaubnis. Einen Monat später bekam er einen Job.

„Der größte Unterschied zu vorher ist, dass ich jetzt bezahlt werde“, sagt Bahaa in gebrochenem Englisch. Seitdem er Deutsch lerne, verschwinde sein Englisch langsam, erklärt er und lacht. Manche Worte kennt er nur auf Deutsch – „Stelle“ zum Beispiel.

Das Ehrenamt zum Beruf machen

Bahaas Weg ist kein ungewöhnlicher mehr. Viele Verbände stellen inzwischen in der Flüchtlingsarbeit Menschen fest an, die vorher ehrenamtlich gearbeitet haben. Denn nicht für jede Stelle findet sich ein qualifizierter Sozialarbeiter. „Man sucht eher jemanden, der menschlich geeignet ist und eine wichtige Sprache spricht, als eine 25-jährige Uni-Absolventin“, sagt Anne Rossenbach vom Sozialdienst Katholischer Frauen. Auch beim Kölner Ableger der Caritas ist der fließende Übergang vom Ehren- ins Hauptamt schon häufiger passiert – ob die Mitarbeiter einen Abschluss in sozialer Arbeit haben, ist eher uninteressant. Sprach- und Menschenkenntnis sind wichtiger. „In Köln haben wir allein sechs Ehrenamtliche übernommen, meist allerdings mit befristeten Verträgen“, sagt Pressesprecherin Marianne Jürgens.

Michael Leinenbach vom Berufsverband für Soziale Arbeit begrüßt es, dass sich so viele Ehrenamtliche für Flüchtlinge einsetzen.“Für die Integration in Vereine, fürs Ankommen. Da brauchen wir die typische Mutter mit Herz, die helfen will.“

Arbia Dalhoumi ist so eine Mutter mit Herz. „Eigentlich habe ich immer geholfen“, sagt die gebürtige Tunesierin. Ihren Job im Altenheim hat die ehemalige Pflegehelferin gekündigt, als ihr vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) eine Stelle in einem Overrather Flüchtlingsheim angeboten wurde. Jetzt ist sie Teil des Sanitätsdiensts und Arabisch-Dolmetscherin. Das Ehrenamt hat sie jedoch nicht aufgegeben. „Deshalb wollte ich auch keine volle Stelle beim ASB, nur sechs Stunden. Meine Freunde meinen, ich wäre verrückt“, sagt Dalhoumi – denn seitdem sie beim ASB arbeitet, verdient sie weniger Geld als früher im Altenheim. „Die Zeit im Hauptamt ist komplett durchstrukturiert. Den Rest des Tages möchte ich mit den Leuten das machen, was sie wollen.“ Vor allem brauchen die Flüchtlinge Hilfe mit der deutschen Bürokratie. Da musste sich auch Arbia Dalhoumi erst einarbeiten. „Aber inzwischen weiß ich, wie man mit denen redet.“

„Sie würden auch keinen Maurer eine Herz-OP durchführen lassen“

Wenn es um Organisation geht, um Kriseninterventionen und psychische Beratung, mahnt der Gewerkschafter Michael Leinenbach zur Vorsicht. Denn da könne nur der Sozialarbeiter helfen. Ein Studium durch Lebenserfahrung ersetzen, das kommt für ihn nicht in Frage: „Sie würden auch keinen Maurer eine Herz-OP durchführen lassen.“ Ein Sozialarbeiter hat nicht nur Herz, sondern studiert. In Deutschland gibt es ein Ausbildungsgesetz, in dem steht „dass auch nicht jeder einfach so Häuser bauen darf.“ Hilfe organisieren, Ehrenamtliche koordinieren – das sind Fertigkeiten, für die es nicht ohne Grund einen Studiengang gibt.

Bahaa Alsayek brauchte kein Diplom. In Syrien hat er Französisch und Translation studiert. Als der Krieg begann, eröffnete er mit ein paar Freunden in Damaskus ein Zentrum für Flüchtlinge, die aus dem Rest des Landes kamen. Ohne jede Hilfe der Regierung verwalteten sie drei Schulen und einen Verein, der mit der UNO-Flüchtlingshilfe kooperierte. Als der Krieg näher kam, musste auch er fliehen. Doch trotz aller Erfahrung, trotz seiner Sprachkenntnisse, stößt auch er manchmal an seine Grenzen. Wenn man ihn fragt, was besonders schwierig an seiner Arbeit in Hamburg ist, antwortet er entschlossen: „Der multikulturelle Aspekt.“

Foto: Josh Zakary (Flickr)

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