Schlaflos durch die Nacht

Leistungsdruck, Social-Media-Kanäle und Home-Office halten wach und geben der Generation Y oft das Gefühl, mehr machen zu können, mehr machen zu müssen. Dass zu wenig Schlaf krank machen kann, wissen die Wenigsten.

von Samira El Hattab

Samstagmorgen in Friedrichshafen. Müde Studenten-Augen blicken durch tiefe Fenster auf den Bodensee, der ein oder andere gähnt laut. „Bevor wir mit dem Programm starten wollte ich eine kleine Stimmungsprobe machen“, sagt Leonie Lindenschmid und schaut in die Runde von rund 20 jungen Menschen aus ganz Deutschland. Trotz voller Uni-Woche sind sie angereist, um über Entwicklungszusammenarbeit zu diskutieren. Lindenschmid blickt zum Stuhl rechts von ihr. „Möchtest du starten?“, fragt sie. „Bin ein bisschen müde, aber sonst geht es mir gut“, sagt einer. „Ey sorry, falls ich mal wegnicke, aber ich bin einfach immer müde“, sagt ein anderer. „Hatte noch keinen Kaffee heute“, ein dritter.

Kaum einer hier, der nicht übermüdet ist.

Fragt man Studierende oder junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, dann gehört chronische Müdigkeit zu ihrem Alltag. Immer mehr von ihnen leiden unter Schlafstörungen. Sie stehen so unter Druck, dass sie nicht mehr schlafen können oder arbeiten die ganze Nacht durch, um den Chef zu beeindrucken. Oder die Deadline nicht zu verpassen.

Fünf Stunden Schlaf pro Nacht

Laut einer bundesweiten Datenerhebung der Kaufmännischen Krankenkasse Hannover (KKH) schlafen vor allem 19- bis 29- Jährige zunehmend schlecht. Im Vergleich zu 2007 haben sich 2017 die Zahlen der Schlaflosen fast verdoppelt. So hoch war der Anstieg in keiner Altersgruppe. „Trotzdem spielt das Thema Schlaf in der Gesellschaft leider bislang eher eine untergeordnete Rolle“, sagt Thomas Seidel, von der KKH. Und die Dunkelziffer der Erkrankten dürfte noch viel höher sein, denn nicht jeder gehe bei Schlafmangel schnell genug zum Arzt.

Eine dieser Dunkelziffern ist Janek Buggeln. Er studiert Jura an der Bucerius Law School in Hamburg, die ehrgeizige Studenten anzieht. 24 Stunden und 365 Tage im Jahr können die Studierenden dort Zeit an der Uni verbringen, selbst an Heiligabend. Sei es in der Bibliothek, den Ruheräumen oder im Fitness-Studio, das extra für Studierende angeschafft wurde.

Die Hochschule ist so konzipiert, dass man eigentlich nicht mehr nach Hause gehen muss, lieber soll man seine ganze Energie in die eigene Arbeit stecken. „Momentan schlafe ich so fünf Stunden pro Nacht“, sagt Buggeln. Morgen stehe eine wichtige Klausur an, da sitze man noch länger in der Bibliothek. Dass er damit viel zu wenig Schlaf für sein Alter bekommt, ist ihm bewusst. Etwas daran ändern könne er trotzdem nicht. „Es gibt halt einen gewissen Stoff und wenn man den nicht in der vorgegeben Zeit schafft, muss man Überstunden machen.“ Zudem seien seine Kommilitonen ähnlich eingestellt. „Wir schaukeln uns gegenseitig hoch.“

„Niemand schaltet mehr wirklich ab“

Leistungsdruck und Versagensangst sieht Schlafexperte Lennart Knaack als typischen Auslöser für Schlafstörungen. „In meiner Praxis merke ich es extrem, dass immer mehr junge Menschen viel zu wenig schlafen“, sagt der Mitbegründer von Intersom Köln, einem Zentrum für Schlafmedizin und Forschung. Knaack hat immer mehr junge Patienten. Das liege auch daran, dass viele durch elektronische Medien 24 Stunden erreichbar sein müssen. „Niemand schaltet mehr wirklich ab.“ Knaack sieht darin eine große Gefahr: „Das Problem ist, dass diese Schlafstörungen in der Gesellschaft und in der Politik nicht als gefährlich eingestuft werden.“

Doch die Folgen können dramatisch sein: Depressionen oder Angstattacken setzten mittlerweile immer häufiger schon bei zwölfjährigen Schülerinnen und Schülern ein. „Nur wenige Bildungsinstitutionen klären wirklich über gesunden Schlaf auf“, sagt Knaack.

An der Bucerius Law School gibt es eine Psychologin, die mit den Studierenden redet, wenn ihnen mal alles zu viel wird. „Ich glaube aber, dass trotzdem die wenigsten den Schlafmangel als Auslöser sehen“, sagt Buggeln. Auch er empfinde sein Schlafverhalten als gesund und würde keinen Arzt aufsuchen. „Erst, wenn es akut wird“, sagt er.

Doch wann ist es akut genug?

Weniger Alkohol und gesunde Ernährung

Viele Studierende der Bucerius Law School stellen ihren Schlafrhythmus bewusst um, schlafen nur drei oder vier Stunden die Nacht und machen dafür mehrere „Naps“ am Tag, also Nickerchen. Natürlich – um leistungsfähiger zu sein. Schlafexperte Knaack empfiehlt andere Lösungen für einen erholsamen Schlaf. Zum Beispiel könne man genaue Schlafzeiten festlegen, den Raum gut verdunkeln oder weniger Alkohol trinken. Auch eine gesunde Ernährung helfe. Doch die eigentliche Verantwortung sieht Schlafexperte Knaack bei der Politik: „Es kann nicht sein, dass wirtschaftliche Interessen eine größere Rolle spielen, als die Gesundheit“, sagt er.

Zurück in Friedrichshafen ist die allgemeine Müdigkeit kein Thema. Im Gegenteil: Den ganzen Tag wird inhaltlich gearbeitet, abends feiern die Seminarteilnehmer und  Seminarteilnehmerinnen noch eine große Party. Viele sind bis spät in die Nacht unterwegs und fallen schließlich erschöpft ins Bett – nur um am nächsten Morgen wieder um 8:30 Uhr aufzustehen und abermals gähnend im Seminarraum zu sitzen. Und das alles an einem Sonntagmorgen.

 

Foto: Stacey Gabrielle Koenitz Rozells (Unsplash)Lizenz: CC BY 2.0 DE

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