Ein Duckface, bitte

Instagram zeigte Kira, wie sie aussehen könnte. Heute geht sie zum Lippenaufspritzen wie andere zur Maniküre. Warum sich immer mehr Deutsche für die Schönheit unters Messer legen.

Von Greta Linde

Kira hält das Handy in der linken Hand, sie streckt ihren Po zur Seite, das Oberteil ist eng, der Bauch flach, die langen, blonden Haare unter einer Basecap versteckt, die Lippen hat sie leicht gespitzt: Kiras neuester Instagrampost. Ein Spiegelselfie. Sie sieht perfekt aus – und das ist kein Zufall. Kira hat sich operieren lassen. 

Immer mehr junge Menschen unterziehen sich Schönheitsoperationen und minimal-invasiven Eingriffen wie Botoxspritzen. Den Grund sehen Experten in sozialen Netzwerken wie Instagram: Der Druck, makellos auszusehen, ist gestiegen.

Würde man Kira nicht kennen, könnte man beim Betrachten ihrer Fotos meinen, sie sei enorm selbstbewusst, vermutlich sogar selbstverliebt. Doch dem ist nicht so. Die 22-jährige Studentin war lange Zeit unzufrieden mit ihrem Körper. Sie war immer sehr dünn und hatte kleine Brüste, mit denen sie haderte. Mit 15 begann Kira, im Internet nach Schönheitsoperationen zu suchen, mit 16 fing sie an, auf eine Brustvergrößerung zu sparen, mit 17 fand sie eine geeignete Klinik und mit 20 ließ sie sich schließlich – allen Einwänden ihrer Familie zum Trotz – operieren. 

Frauen machten 2018 in Deutschland rund 84 Prozent der Eingriffe aus, vier Prozent mehr als im Vorjahr. Im Verhältnis sinkt der Anteil männlicher Patienten, was laut der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) jedoch nicht daran liege, dass Männer das Interesse an Eingriffen verlieren. Frauen ließen sich lediglich häufiger regelmäßig behandeln. Minimal-invasive Eingriffe wie das Auffüllen bestimmter Körperpartien mit Hyaluronsäure benötigen Auffrischungen.

„Die Risiken waren mir egal“

Zwei Vorgespräche beim Arzt hatte Kira, ihre beste Freundin und ihren damaligen Freund im Schlepptau. Der Doktor erschien ihr kompetent, ihre anderen Beratungsgespräche nahm sie nicht mehr wahr. Ihre Mutter warnte Kira: Würde sie erst einmal anfangen, sich operieren zu lassen, hätte sie ständig etwas Neues an ihrem Körper auszusetzen. Die Familie stritt sich zunehmend wegen des Themas, doch: „Die Risiken waren mir egal, der psychische Druck war einfach größer“, sagt Kira.

Damit scheint sie nicht allein zu sein. Die Zahl aller Behandlungen, Frauen und Männer zusammengenommen, lag 2017 bei etwa 704.000, Eingriffe wie Haarentfernungen eingerechnet. Die Vereinigung der deutschen ästhetisch-plastischen Chirurgen (VDÄPC) beobachtet einen Anstieg um gut drei Prozent der Operationen im Vergleich zum Vorjahr, die nicht-operativen Eingriffe, die vor allem Frauen nachfragen, stiegen sogar um rund 21 Prozent. Hierzulande, so eine Statistik der DGÄPC, sei die Hauptmotivation für einen Eingriff die eigene Unzufriedenheit. „Ich mache das nur für mich“, gaben 92,7 Prozent der befragten Frauen und 82,2 Prozent der Männer an.

Kira sieht das anders, sie mache das nicht nur für sich. Sie habe sich die Brüste auch aufgrund des gesellschaftlichen Drucks und allgemeinen Schönheitswahns vergrößern lassen. Sie lacht und sagt: „Wenn man so mit sich zufrieden wäre, würde man ja auch nichts verändern.“ Gerade Instagram habe ihren Entscheidungsprozess beeinflusst, die Plattform sei voll mit perfekten Frauen. Wenn sie dort unterwegs ist, denkt Kira oft über weitere Eingriffe nach: „Da bin ich schockiert von mir selbst, dass ich eher aussehen möchte wie die Leute auf Instagram.“

Die Lippen zum Schmollmund geformt

Wie sehr soziale Medien beeinflussen, ob junge Menschen zufrieden mit ihrem Aussehen sind, bemerkt auch Alexander Hilpert. Er leitet die Abteilung für Plastische Chirurgie der Kaiserberg Klinik Duisburg, führt eine Praxis an der Düsseldorfer Kö und ist Vorstandsmitglied der DGÄPC. In den vergangenen Jahren seien vermehrt junge Menschen mit Selfies in seine Praxis gekommen.

Die Klienten zeigen Hilpert Fotos, auf denen sie das Gesicht zu einer Schnute verziehen, dem sogenannten Duckface. So volle Lippen wollen sie gerne immer haben. Eine bestimmte Pose, ein Filter sei oft der Auslöser, dass junge Patienten sich eine Operation wünschen. Hilpert glaubt, das liege daran, dass Jugendliche und junge Erwachsene sich viel häufiger selbst fotografieren als ältere Generationen. Dadurch seien sie ständig mit dem eigenen Erscheinungsbild konfrontiert: „Früher musste man noch das alte Schwarz-Weiß-Album aus dem Regal kramen, aber das ständige Selfiemachen bringt die Leute dazu, sich genauer zu betrachten.“

So wie bei Kira. 24 Fotos hat sie auf Instagram hochgeladen, alle zeigen einzig und allein sie; im Urlaub, beim Friseur, Zuhause vorm Kleiderschrank. Stets top gestylt, die großen blauen Augen der Kamera zugewandt, die Lippen zum Schmollmund geformt. Sich von der Plattform abzukapseln und diesen Teil der Onlinewelt auszublenden, das würde sie vermutlich nicht schaffen, sagt Kira. Auch das habe zu ihrem Entschluss, sogenannte Lipfiller auszuprobieren, beigetragen. Seit etwa einem halben Jahr lässt sie sich ihre Lippen mit Hyaluronsäure unterspritzen. 

Behandlungen mit Hyaluronsäure

Aber nicht alle jungen Frauen sind wie Kira. Bei Hannah spielte Instagram keine Rolle. Die Studentin der Erziehungswissenschaften war gerade 18 Jahre alt, als sie sich operieren ließ. Nach den Abiturprüfungen unterzog sie sich einer Brust-OP. Ihrem Eindruck nach traf sie die Entscheidung gegen den Trend: Damals, sagt sie, seien zierliche Körper mit kleinen Brüsten modern gewesen. Ihr sei es darum gegangen, sich endlich wohlzufühlen. Keine Push-up-BHs mehr, sondern in echt so auszusehen, glücklich in den Spiegel schauen zu können. Sie wollte bloß keinen künstlichen Look.

Den meisten Leuten in ihrem Umfeld fiel der Eingriff überhaupt nicht auf. Hannah sah einfach so aus, wie sie sich vorher schon gegeben hatte – sie hatte einmal mit einer OP nachgeholfen und konnte sich damit sparen, täglich nachhelfen zu müssen. 

Wie verbreitet Schönheitsoperationen unter jungen Frauen sind, sieht man auch daran, dass Kiras Freundinnen sich schon vor ihr regelmäßig mit Hyaluronsäure behandeln ließen. So wurde sie überhaupt erst neugierig, sah zunehmend Vorher-Nachher-Bilder gelungener Eingriffe in den sozialen Netzwerken und betrachtete Influencerinnen mit vollen Lippen.

Vorher habe sie nie ein Problem mit ihrem Mund gehabt, doch seit sie darauf aufmerksam wurde, hätten ihre Lippen sie enorm gestört. Ob sie sich auch ohne Instagram und nur durch den Einfluss ihres sozialen Umfeldes die Lippen hätte machen lassen? „Nee, ich glaube nicht. Ich weiß, das ist echt traurig“, sagt sie. Volle Lippen seien momentan halt im Trend, das sei „so ein Modeding.“

Kira will sich nochmal unters Messer legen

Solche Trends beobachtet Hilpert ebenfalls. Während Männer auf schnelle Lösungen und operative Eingriffe drängten, wünschten Frauen sich vermehrt Behandlungen mit körpereigenen Substanzen. Sogenannte Filler hätten in seiner Praxis der Fettabsaugung den Rang abgelaufen. Aber dabei wird es wohl nicht bleiben, vermutet Hilpert: „Die Hüfthose wird modern. Ich weiß genau, dass in ein paar Monaten wieder Frauen zu mir kommen, die eine Fettabsaugung an der Hüfte möchten.“ Und noch einen Trend hält Hilpert fest: Das Durchschnittsalter in seiner Praxis liegt bei 36 Jahren, jedoch suchen ihn vermehrt junge Menschen auf.

Fettabsaugungen sind laut DGÄPC der drittbeliebteste Eingriff in Deutschland. Was die absoluten Zahlen angeht, liegt die Bundesrepublik insgesamt im weltweiten Ranking der Schönheitsoperationen auf Platz sechs. Einsame Spitzenreiter sind die USA mit über 4,3 Millionen Eingriffen 2017. Das sind fast doppelt so viele Fälle wie beim Zweitplatzierten Brasilien und somit gut 18 Prozent der Schönheitsoperationen weltweit. Deutschland hingegen macht nur drei Prozent aus.

Kira will weitermachen mit den Operationen. Die Lippen wird sie sich weiterhin aufspritzen lassen so wie andere Leute halt ins Nagelstudio gehen oder sich die Wimpern machen lassen. Auch über eine zweite Brustvergrößerung denkt sie nach. Sollte das Geld da sein, würde sie sich vermutlich erneut unters Messer legen: „Dann reicht es auch wirklich.“ Doch wer weiß schon, wie voll oder schlank unsere Wangen, Nasen, Augenbrauen und Hintern in Zukunft getragen werden. Der nächste Instagram-Trend kommt bestimmt.

 

Foto: Ian Dooley (Unsplash) // unter CC-BY

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