Zu Hause auf Spurensuche

Zwei Wochen nach dem Tod ihrer Mutter geht Helga Kovrigar das erste Mal in deren Wohnung zurück und durchlebt noch einmal das, was zurückbleibt: Nähnadeln und Naschereien. Wie läuft es sich auf dem Pfad der Erinnerung? 

von Alexandra Perlowa

Rechts neben dem Schlafzimmerbett hängt das Bild einer blonden jungen Frau. Es zeigt meine Tante Helga in Nahaufnahme, mit einem geknoteten, nachtblauen Stirnband auf dem Kopf. Das ist jetzt mehr als 20 Jahre her. Seitdem ist es, als hätte die Zeit Sonnenstrahlen an die Wimpernkränze von Helgas himmelblaue Augen gemalt. „Manchmal sehe ich am Morgen wie 20 und am Abend wie 100 aus.“ Heute ist so ein Abend. Als ihre Augen weiter durchs Schlafzimmer schweifen, sieht sie wieder aus, wie sie sich fühlt. Traurig. Helga trauert. Die Sonnenstrahlen werfen Schatten.

Als Helga Kovrigar die Wohnung ihrer Kindheit betritt, begeht sie auch ein Stück Erinnerung. Der Raum ist noch immer so, wie ihre Mutter Anna Buchinger ihn am 2. Februar 2017 verlassen hat. Helga hat seit der Beerdigung noch nicht die Kraft gefunden, um hierher zurückzukommen.

Damals hatte die Bank noch Lochkarten

Bis vor zwei Wochen hatte Anna in diesem Schlafzimmer gelegen. Sie war vollständig bettlägerig geworden. Dem Bett mit seinem wuchtigem dunklen Holzrahmen war ein steriles, höhenverstellbares Krankenbett gewichen und an die Stelle von Kaffee und Sahnetorte im Seniorenzentrum traten zwei Pflegerinnen, die Helga eingestellt hat und die ihre Mutter abwechselnd rund um die Uhr in ihrer Wohnung versorgen sollten. Diese Umstellung war für Anna Buchinger eine Härteprobe. Sie wollte eine eigenständige Frau bleiben, kein Pflegefall sein. „Sie hat sich bei der österreichischen Nationalbank hochgearbeitet und die allererste EDV-Abteilung mit aufgebaut. Damals hatte die Bank nur Lochkarten, das muss man sich mal vorstellen! Man hat ihre Arbeitskraft sehr wertgeschätzt“, erzählt Helga nicht ohne Stolz in der Stimme.

Wie ein rechteckiges Stück Karton wendet sie dabei einen Augenblick lang eine Handtasche mit Druckknopf in der Hand. Dann sinkt sie wieder auf die Ablage der Buchenholz-Kommode. In dem Rechteck liegen Annas letzte Wertsachen, einige Karten und Münzen, aber auch ein CD-Spieler. Mit großen, weißen Kopfhörern hat Anna im Bett mal ferngesehen und mal Musik auf CD gehört.

Die mit den Palatschinken darf wiederkommen

Lesen ging nicht mehr. Die Buchrücken scheinen reihenweise, ja zum Teil sogar in zwei davon gestaffelt, in Flur, Wohn- und Schlafzimmer hineinzuragen. Beinahe bedrohlich. „Sie hat sich vom Erwachsenen zu einem Kleinkind zurückentwickelt“. Und Kinder sind von Erwachsenen abhängig. Trotz Demenz war diese Tatsache für Anna schwer zu akzeptieren. „Meine Mama hat nicht mehr verstanden, dass da jemand im Nebenzimmer eingezogen war. Und begriff sie es doch, war ihre Pflegerin immer wieder wie eine neue Person für sie“. Wie Helga die letzten Wochen ihrer Mutter Revue passieren lässt, kann sie sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Denn es war manchmal gar nicht so schwer, Annas Herz für sich zu gewinnen: „Die eine, die kann gute Palatschinken machen. Die darf herkommen.“ Hier, in dieser Wohnung, ist die 59-Jährige Helga groß geworden.

Die kleine Helga war ein Mamakind. „Mein Vater starb, als ich gerade einmal vier Jahre alt war. Meine Mutter hat mich von diesem Tag an allein großgezogen. Nach der Schule bin ich zu den Nachbarn gegangen, die hatten einen Sohn in meinem Alter. Wir haben zusammen zu Mittag gegessen und Hausaufgaben gemacht. Ich mochte ihn nie besonders gern.“ Viel lieber waren ihr die liebenswerten Stickereien, über deren unebene Oberfläche sie sanft ihren Zeigefinger gleiten lässt. Aus diesem Stoff sollte sich die spätere Freude an Nähten, Säumen, Nadeln und Fäden entwickeln. Helga hat Schneiderin gelernt, ehe sie schließlich ihren Platz in der Buchhaltungsabteilung einer NGO, die sich auf die Arbeit mit Minderheiten in Österreich spezialisiert hat, fand.

Jedes Schnüren schnürt ihr die Luft ab

Tante Helga lächelt, als sie ihre Geschichte erzählt. Es ist, als hätte sie die beiden Leidenschaften ihrer Mutter, die Mode und das Bankenwesen, fortgelebt. Wie die Mutter, so die Tochter – nur, dass die Mutter nicht mehr da ist. Noch da sind dafür Mehl, vielleicht 200g Zucker und sogar noch ein paar in Karton verpackte Eier in der Küche. Aus diesen Zutaten ließe sich bestimmt ein leckerer Kuchen machen. Helga isst gern süß. Obwohl Anna am Ende nicht mehr viel wusste – weder, wo sie war, noch, dass sie ihr Abendessen in einer Kommodenschublade statt auf dem Esstisch abgelegt hat – wusste sie bis zum Schluss, wie gern ihre Tochter Kuchen mag. „Das Stück Torte habe ich für die Helga mitgenommen“, soll sie ihrer Pflegerin in aller Selbstverständlichkeit entgegnet haben, als sie diese auf ihre mit Sahne verschmierte Handtasche angesprochen hat.

Dieses Aufräumen ist wie ein zweites Abschiednehmen. Lebensmittel landen in dem einen Müllsack, Annas Kleider in einem anderen. Jeder Sack, den Helga zuschnürt, schnürt ihr die Luft ab. Im Flur könnte es weitergehen, mit großen, eckigen Boxen im großen, eckigen, sperrigen Schrank, gefüllt mit ungeheuren Mengen alter Dias. Als die 1,50m große Frau davor steht und ehrfürchtig nach oben schaut, lässt sie allerdings die Arme sinken. „Ich bin einfach noch nicht so weit“. Auch für die Hefte und Zeitungen und Bücher fühlt sich Helga noch nicht bereit. Jedes Buch ist eine Erinnerung an Anna Buchinger.

Foto: Maik Meid via Flickr unter  CC BY-SA 2.0

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