Wie viel Kontrolle ist zu viel Kontrolle?

Meine Freundin Lina ist magersüchtig. Im Eifer nach absoluter Kontrolle, verliert sie eben diese. Sie schafft alles, außer loszulassen. Ab wann wird Disziplin zum Zwang?

von Anastasia Kourti

Punkt 17 Uhr betritt Lina Sophie Larsbach das Café, wie sie Räume fast immer betritt: gerader Rücken, sicherer Schritt, der Blick gerade aus – kaum suchend. Ein leichtes Lächeln umspielt ihren Mundwinkel. Sie setzt sich, legt ihre schlanken Hände auf den Tisch. „Wie war dein Tag?“, fragt sie.

Sie hört mir aufmerksam zu, nickt an den richtigen Stellen und wirft passende Kommentare ein. Sie wirkt interessiert und das nicht nur, weil wir uns nahe stehen. Ich kenne kaum jemanden, der besser im Smalltalk und Netzwerken ist, als Lina. Sie weiß genau, was sie sagen und tun soll, wie sie wirken möchte. Situationen weiß sie zu kontrollieren, und vielleicht ist das ihr Problem.

Lina ist magersüchtig. Ihr ganzes Leben besteht aus Kontrolle. Über die Zeit über die Gespräche, über ihren Körper. Planung lautet ihr Mantra, Disziplin ist ihr Grundprinzip.

Konfliktpunkt Frühstück

Ihre Tage beginnen mit einer Hürde. „Muss das Frühstück denn unbedingt sein?“, fragt sie sich jeden Morgen.
„Nein. Lass es einfach ausfallen. Niemand muss wissen, dass du es heute einmal übersprungen hast. Du kannst das mittags sicher aufholen. Stell dir doch nur vor, wie du dich nach dem Essen fühlen wirst“, lautet der nächste Gedanke.
Und dann: „Iss Lina! Die 50 Kilo-Marke knackst du nie, wenn der Tag schon so beginnt. Tu es einfach.“
Lina mischt dann meist etwas Magerquark mit Wasser an – ein Löffel, zwei Löffel, drei Löffel. Stopp. Eine kleine Menge Müsli. Ein halber Apfel. Mahlzeit. Mit jedem kleinen Bissen spürt sie, wie sich ihr Bauch füllt, wie ihr schmaler Körper schwerer und voller wird.
„Du tust das für dich“, sagt dann ein Teil von dir. Das ist die Stimme ihres Therapeuten, ihrer Mutter und ihrer engen Freunde.
„Hättest du es mal gelassen“, kommentiert ein anderer Teil, jener Part, der für die langen Gliedmaßen und die hervorspringenden Hüftknochen verantwortlich ist.

Am Morgen bevor wir uns treffen, isst Lina ihr Frühstück langsam, aber sie isst es auf.
Nach dem Frühstück lernt Lina meist – von 8 bis 14 Uhr. Sie studiert Jura im dritten Semester und zählt zu den Musterstudentinnen, denjenigen, die im zweistelligen Punktebereich abliefern. Unter Juristen ist das eher selten.
„Jura ist einfach ein Fleißstudium“, sagt sie oft, wenn jemand sie für ihre ausgezeichneten Klausurergebnisse lobt. Dann schaut sie mit verlegenem Lächeln auf ihre knochigen Hände, ihre langen manikürierten Fingernägel.

Um 14 Uhr legt sie ihre Unterlagen beiseite und fährt für ein einstündiges Training ins Fitnessstudio. Danach duscht sie, macht sich erneut fertig. 17 Uhr. Der nächste Termin ist unser Treffen im Café.

Lina bietet an, die Getränke zu holen. Zwei Cappuccinos mit Sojamilch. Kalorienarm, appetitzügelnd, energiespendend. Lina läuft aufrecht zum Tresen, legt ihre Hände ordentlich auf die Theke. Sie zieht ihre Jeans am Bund hoch, da sie droht, ihr von den knochigen Hüften zu rutschen. Ihre XS Jeans füllt sie mit ihren 45 Kilogramm kaum aus.

Zur Magersucht hat jeder was zu sagen

Als sie zurück zum Tisch läuft, wird ein Frauentisch Mitte 40 auf sie aufmerksam. „Wäre ich ihre Mutter, dann würde ich es gar nicht so weit kommen lassen. Ich würde ihr sagen: ‚Wenn du nicht aufisst, dann stehst du mir nicht vom Tisch auf“, sagt eine der Blondinen. Doch die anderen nicken, gucken Lina hinterher.

Wir reden über Belangloses, Alltägliches: Über das Studium, über Shoppingausbeuten vergangener Woche, über alte Freunde. Ich reiße mich zusammen und wage mich an ein schwierigeres Thema.
„Wie läuft es denn damit, Lina?“
Sie schaut zu Boden, die eine Hand umkreist den Keks, der zum Cappuccino serviert wird.
Gut, liefe es, sagt Lina. Sie starte jetzt richtig durch. Morgens gebe es nun immer Haferflocken. Sie merkt es langsam an den Jeans. Nicht mehr lang, dann zeigt die Waage eine 5 vorne an. Vergangene Woche habe sie einmal einen kurzen Aussetzer gehabt, aber seitdem ginge es bergauf.

Dieser Aussetzer kostete sie drei Kilo minus.

„Manchmal“, beginnt Lina, „habe ich das Gefühl es geht bei mir steil bergauf und dann genau so steil bergab. Ganz plötzlich und dann ist es wieder ein Nullsummenspiel. Dabei gebe ich mir so viel Mühe.“
„Vielleicht darfst du dir nicht so viel Mühe geben. Vielleicht brauchst du kleine Wellen, kleine Tiefs und Hochs auf deiner Reise. Nicht immer so steile Linien.“
„Ja…“, sie blickt auf den Keks, schiebt ihn hin und her.
„Wenn du merkst du machst zu viel, dann leg dich doch mal hin, schlaf eine Runde. Schau eine Serie. Auch mal mittags.“
„Du weißt ich kann das nicht“, sagt sie. „Ich habe dann immer das Gefühl ich versage.“
„Hast du nicht. Das ist Quatsch.“
„Ich weiß.“
„Ab jetzt wird alles besser, Lina.“
„Ja! Ein Strahlen. „Ich krieg das hin!“

„Lust auf ein Stück Apfelkuchen?“

Wenn unsere Gespräche so verlaufen, dann werde ich mutig, maße mir an, sie therapieren zu können.

„Lust auf ein Stück Apfelkuchen? Ich geb aus!“, sage ich also.
Linas Augen weiten sich.
„Neeee, hab’ ich jetzt gar keinen Bock drauf“, sagt sie.
„Lina, wir haben doch gerade eben…“
„Daran liegt es nicht, ich mag die Kuchen hier nur eben nicht so gerne.“
„Lina.“
„Hättest du heute schon so viel gegessen wie ich, hättest du auch keine Lust auf Kuchen!“
Sie ist sauer.
„Lina.“
„Hol du dir doch einen für dich, wenn du so gerne Kuchen möchtest.“
Wir starren uns an.

„Dann iss wenigstens den Keks zum Kaffee“, sage ich.
Lina greift danach, beißt ab und lächelt triumphierend. Dann legt sie den Keks wieder auf den Tisch und wischt sich einige Krümel von den Fingern. Sie erzählt von einer Stiefmutter, die mit einer Hosengröße XS prahlt und einem Vater, der sich nicht meldet, und wenn doch, nur über ihre Karriere sprechen will. Lina erzählt von Erwartungen, die sie trotz vollem Einsatz nicht erfüllen kann, von einem Umfeld, welches fordert und schubst, Noten sehen will, Lebensläufe und Kurven.
Nach jedem Bissen legt sie den Keks wieder auf den Tisch und wischt sich die Krümel von den Fingern. Sie zerkrümelt das Gebäck mehr, als das sie es isst.

Und mit dem Keks zerkrümelt auch Linas Kontrolle

Wie viel Kontrolle ist zu viel Kontrolle? Der Übergang von Disziplin zu Zwang erfolgt nicht abrupt, die Grenze dazwischen ist blass, doch Lina hat sie vor fünf Jahren überquert. Zweimal war sie in einer Klinik, hat unzählige Therapeutengespräche hinter sich. Seitdem muss sie sich anhören, wie Fremde ihr den Geheimtipp geben, mehr zu essen. Sie kriegt mit, wie Fremde zu laut hinter ihrem Rücken darüber spekulieren, ob sie es wohl schaffen wird oder nicht. Auch sie selbst denkt darüber nach, ob der eine Schritt über die Grenze wieder rückgängig zu machen ist.

„Manchmal denke ich, dass es kein Zurück gibt. Ich stecke hier schon so lange drin, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ohne ist. Manchmal ist die Anstrengung so groß, da frage ich mich, ob der Kampf sich überhaupt lohnt“, sagt sie. Sie schaut auf ihre Hände, sortiert sich, legt sie ordentlich auf den Tisch.
„Aber Aufgeben geht auch nicht. So eine bin ich nicht.“

Foto: Jason Briscoe (Unsplash.de) // unter CC-BY

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