Furchtlos bleiben

Als Schwarze Frau in Deutschland ist Mable Preach in vielen Situationen von Rassismus betroffen. Davon lässt sich die Hamburger Regisseurin aber nicht aufhalten. Genauso wenig von ihrer eigenen Fluchtgeschichte, die jetzt fast 30 Jahre zurückliegt.

von Binta Hübener

„Don‘t let your dreams be just dreams“, steht in silbernen Buchstaben auf ihrem schwarzem T-Shirt. Mable Preach sitzt an ihrem Laptop in einem kleinen Büro in Hamburg St. Pauli. Am großen Tisch in der Mitte des Raumes sitzen fünf Jugendliche um sie herum. Einige recherchieren an ihren Laptops, andere frühstücken und unterhalten sich. An der Wand über dem jungen Planungsteam, steht auf mehreren Blättern in großen Buchstaben geschrieben: FORMATION**NOW.

Konzentriert blicken ihre dunkelbraunen Augen auf den Bildschirm. Preach sucht nach Fördermöglichkeiten für das geplante Jugend-Kulturfestival FORMATION**NOW. Es soll im September stattfinden und ist nur eines von vielen Projekten der Hamburger Regisseurin.

Preach wirkt wie eine Frau, die nichts aus der Ruhe bringen kann. Die 35-Jährige arbeitet als freie Regisseurin für verschiedene Theater und Projekte. Sie ist eine Frau, die ihre Visionen umsetzt, und sich dabei nicht vom Weg abbringen lässt. Durch ihre Arbeit, in der sie meistens mit Jugendlichen zusammenarbeitet, prägt sie die Jugendkulturszene Hamburgs. Preach gibt dabei vielen Jugendlichen eine Plattform, um eigene Geschichten zu erzählen. Über ihre eigene spricht die Regisseurin selten, und wenn, dann wirkt sie dabei gelassen.

Zum Tode verurteilt

Preach beginnt ihre Geschichte zu erzählen, während sie auf ihrer Tastatur herumtippt. „Mein Vater“, sagt sie, „ war damals auf der Flucht, weil er von JJ Rawlings zum Tode verurteil wurde.“

Jerry Rawlings war von 1981 bis 2001 Präsident von Ghana. Der Vater von Preach hatte damals einen Putschversuch gegen den Diktator unternommen. Dieser scheiterte, und Preachs Vater wurde zum politisch Verfolgten. Er und seine Familie mussten Ghana verlassen, um zu überleben. Preach war damals erst zwei Jahre alt.

Zuerst kam die Familie nach Frankreich. Nachdem Hintermänner von Rawlings sie dort fast aufgespürt hatten, flohen sie weiter nach Belgien, und lebten dort. Preach sagt, sie habe in dieser Zeit fließend Flämisch gesprochen. Doch auch in Belgien war ihre Familie nicht sicher, und zog weiter nach Deutschland. Preach war damals sieben Jahre alt war. Heute erinnert sie kein einziges Wort Flämisch. Und nichts an ihrem perfekten Deutsch erinnert an eine Fluchtgeschichte.

„Leute, es ist schon halb zwei, wir müssen los. Vier von euch kann ich mitnehmen, der Rest muss mit der Bahn fahren.“ Preach macht sich mit der Gruppe auf den Weg in den Hamburger Oberhafen, zu den Proben für das Musik-Theaterstück Ich. Du. Wir. Supahelden. In einem Monat ist Premiere auf Kampnagel. „Mein erstes Theaterstück habe ich 2006 gemacht. Das hieß Ich träumte, ich träume.“ Dann zieht sie ihre Augenbrauen hoch, und sagt deutlich, in einem spielerisch ernstem Ton: „Mit freundlicher Unterstützung des Schauspielhauses.“

Heute finden die Proben in den Räumen von Lukulule e.V. im Hamburger Oberhafen statt. 1999 hat Mable den Verein für Musik und Tanz für Kinder und Jugendliche mit gegründet, und ist seit zwei Jahren selbst im Vorstand.

„Als ich jünger war wurde ich auch immer weißer N**** genannt!“

Als Schwarze Frau in Deutschland, werden ihre persönlichen Erfolge in einigen Situationen jedoch völlig in den Hintergrund gestellt. „Ich war neulich als Vorstandsmitglied von Lukulule auf einer Veranstaltung der Grünen, und stand in der Nähe vom Buffet. Dann kommt so ein weißer Typ zu mir, Mitte fünfzig, im Anzug, und sagt als ersten Satz: „Als ich jünger war wurde ich auch immer weißer N**** genannt!“

Genug Rassismus-Erfahrungen, um ein ganzes Theaterstück darüber zu schreiben, haben Preach und viele der Jugendlichen bei Ich. Du. Wir. Supahelden. auf jeden Fall. In ihrem Stück soll diesmal auch das Publikum mit einbezogen werden.

„Die Minderheit kriegt Crepes und wird sehr gut von uns behandelt. Wir werden uns an jedem Abend der Aufführungen bestimmte Kriterien aussuchen, um die Minderheit zu bestimmen.“ Preach grinst verwegen. Dieser Blick lässt alle wissen, sie meint es absolut ernst.

Während die Gruppe übt, die selbstgeschriebenen Songs zu singen, ist Preach mit dunkelblauen, ärmellosen Baumwollwesten beschäftigt, die für eine Szene gebraucht werden. Geduldig schneidet sie Stücke von einem bunten, westafrikanischen Wachsstoff aus, und befestigt sie mit Stecknadeln an den Schulterteilen der Westen. Um vier Uhr trudeln weitere Jugendliche ein. Es sind jetzt etwas dreißig. Mable probiert mit ihnen die Westen an, beantwortet Fragen, löst kleine Probleme mit den Kostümen, und knallt ein paar Mal laut mit ihrem Kaugummi.

Vor der Premiere von Ich. Du. Wir. Supahelden. stellt Preach noch ein weiteres Theaterstück mit 160 Kindern der siebten Stufe von der Stadtteilschule in Niendorf auf. In nur einer Woche wird sie mit der ganzen Jahrgangsstufe Siebtklässler ein Stück erarbeiten, und auf die Bühne stellen. „Eine Woche reicht“, sagt sie. Es scheint, als wäre Preach furchtlos, in allem, was sie sich vornimmt.

„Für alle Probleme gibt es immer eine bestimmte Lösung.“

Um das Jugend-Kulturfestival FORMATION**NOW im September finanzieren zu können, fehlen noch 40.000 Euro. Angst, dass die Finanzierung nicht verwirklicht werden kann, hat Preach nicht. „Wenn wir weniger Geld bekommen, machen wir eben ein kleineres Festival. Für alle Probleme gibt es immer eine bestimmte Lösung.“

Ihre Zuversicht lässt die silberne Schrift auf ihrem T-Shirt noch mehr glitzern. Don‘t let your dreams be just dreams.

Foto: Karsten Planz via Flickr unter CC-BY-2.0 / unten: privat

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