Eine Zugbekanntschaft

Viktor* ist Studienabbrecher. Heute macht er das, was er immer tun wollte. Warum quält ihn diese Entscheidung manchmal trotzdem?

von Bao-My Nguyen

Viktor wusste nicht, was das Wort Selfie heißt. Viktor, der sein Geld mit Schreiben und Redigieren verdient. Er dachte, sagt er, Selfie, das habe irgendwas mit Masturbation zu tun.

Ich habe Viktor vor ein paar Monaten im Zug kennengelernt. Wir saßen zufällig nebeneinander, kamen ins Gespräch. Ich weiß nicht, warum wir uns gut verstehen. Eigentlich haben wir nichts gemein. Und eigentlich weiß ich gar nicht, wie er vom studierten Juristen zum Autor wurde.

Eine Bar in Köln, Freitagabend. Die Leute krakeelen, um gehört zu werden, sie krakeelen, weil es laut ist. Und weil sie betrunken sind krakeelen sie noch ein bisschen lauter als nötig.

Viktor spricht leise, man muss sich rüberbeugen, um ihn zu verstehen. In seine Sätze und Formulierungen mischen sich immer Gravuren aus der Zeit, in der er Jura studiert hat. Nebenher eingebaut, aber nicht prätentiös.
Sprachlich affin ist Viktor schon fast sein ganzes Leben. Sein erstes Zeugnis bescheinigt ihm: „Viktor verfügt über einen umfangreichen Wortschatz und kann treffend und anschaulich erzählen.“ Als Teenager schreibt er Gedichte. Für das Studium schwebte ihm dann irgendwas mit Sprache vor, Linguistik vielleicht. Er liebäugelte mit Germanistik und Kunstgeschichte, aber es ist eine Kombination von Fächern, die jeweils für sich schon „Arbeitslosigkeit!“ schreien.  Also wurde es Jura. Kopf über Wasser halten und Umgang mit Sprache, vereint.

Ein schlechter Jurist wegen zwei Tagen

In der Bar fixiert Viktor etwas in seinem Blickfeld, wenn er anfängt zu reden. Irgendein Objekt in der Ferne. Manchmal wird sein Blick leer. Er sagt, er habe sich von seinen guten Noten tragen lassen, damals als Schüler und nun auch als Studierender. Und solange es die guten Noten gab, stellte er Dinge nicht infrage. Und wenn die Dinge nicht infrage gestellt werden, dann blickt auch kein Mensch so weit voraus und sagt: Das ist es nicht. „Deine ganze berufliche Existenz hängt von zwei Tagen und zwei Klausuren ab. Wenn du mal einen schlechten Tag erwischst, dann macht dich das zu einem schlechten Juristen.“

Mich fasziniert die Art, wie Viktor redet. Er macht oft Pausen. Er füllt sie aber nicht mit „Ähs“ oder dehnt sie mit „Ähms“. Überhaupt verwendet Viktor diese Verzögerungslaute nur, wenn er ausholen will. Akzentuiert.

Er verschränkt die Arme. Sein Hemd strafft sich, verwaschen dunkelblau, bis ganz nach oben zugeknöpft. Er bewarb sich auf Drängen einer Freundin auf ein Redaktionspraktikum. Eine kleine Musikredaktion. Sechs Monate lang textete er. Dann sind diese sechs Monate vorbei. Und er steht wieder vor einem Studium, welches ihm furchtbar egal geworden ist.

Nur eine Wahl

Würde man sich Viktor in einem bento-Artikel vorstellen, die Überschrift würde lauten: „So arbeitest du in einem Beruf, den du immer haben wolltest“. Die Quintessenz wäre: einfach machen. „Die anderen sitzen in deiner Suppe nicht drin. Natürlich wurde mir gesagt: ‚Mach deinen Abschluss‘. Aber es ist mehr, als einen Abschluss nur zu absolvieren, man muss sich reinhängen.“ Zwei Jahre wären es bis zum Abschluss gewesen, zwei Lebensjahre, die er nicht opfern wollte.

Weiter schreiben, das wär’s. Aber die Branche des Musikjournalismus ist schwierig, es gibt kein großes Geld zu holen. Selbst die Redaktionen rieten ihm, einen gescheiten Abschluss hinzulegen. Aber er hört nicht auf sie. Inbrünstige Überzeugung, wenn er davon spricht, wie es nur eine Wahl für ihn gab: Studienabbruch.

Er bewarb sich dann bei einer Parfümeriekette auf eine Lektorenstelle, ohne sich groß Chancen auszumalen. Irgendwann kam ein Anruf, eine Frau sagte ihm: Schlechte Nachricht, wir haben die Stelle leider anders besetzt. Wir wollen Sie lieber in der Textproduktion.

Nun beschäftigt sich Viktor dort mit allem, was mit Texten zu tun hat.

Da verdient er hauptsächlich sein Geld. Durch sein Praktikum ist er schließlich bei einem Musikmagazin gelandet. Dort schreibt er über Alben und Konzerte, oft fast lyrisch. Zu seinem diesjährigen Geburtstag lud er ein paar seiner Freunde inklusive mich ein. Zu einem Auftritt von Russian Circles, drei Musiker, die seinen siebenundzwanzigsten Geburtstag bespielen. Ich sage dazu: Instrumentale Wand aus harmonischem Lärm. Viktor schreibt für das Musikmagazin: „Cook und Sullivan züchten, schichten und verfädeln in konkurrenzloser Unaufgeregtheit ihre Spuren an den Gitarren; Turncrantz am Schlagzeug peitscht das Aufbäumen der dröhnenden Kolosse unbeirrt voran und zertrümmert mit seiner ganz eigenen Art der Feinarbeit die seiner Mitmusiker, und kämpft den Weg frei für den nächsten tonnenschweren Mühlstein.“

„Alles mit Buchstaben“

Also, was ist er nun, als Person, fernab der Auswahl seiner Arbeitgeber*innen? Texter? Er überlegt. „Das geht in Richtung Copywriter. Und Textprostitution.“ Eine passendere Berufsbezeichnung hat Viktor aber nicht zur Hand. „Alles mit Buchstaben.“

Mit dem Redigieren sind nun auch geistige Produktionen anderer Personen seinen Bewertungen ausgesetzt. Bei vereinzelten Texten kann er sich nicht vorstellen, dass die Leute am Schreiben Spaß gehabt haben. Nur, wie sie mit einer Peitsche getrieben ihren Inhalt dahingerotzt haben. Er stockt. „Es ist so-.“ Er stockt wieder. „Hasenfüßig.“ Was denn? „Scheu seine Meinung zu vertreten. Es ist sträflich. Es ist doch meine Meinung. Mach bisschen Krawall damit, überspitz es. Wieso kann man Dinge nicht ansprechen ohne Füllwörter, die die Meinung wieder relativieren?“
Er gestikuliert, als donnere eine plötzliche Eingebung auf seinem Kopf herab. „Vielleicht sollen sie besser mit Murmeln spielen. Oder kochen oder so. Aber wenn sie kochen wie sie schreiben, dann hören sie aus Resignation wohl ganz auf zu essen.“

Er ist nicht arrogant. Keine Arroganz, die ihn zu einem schreiberischen Genie überhebt, wo er sich auf seiner Ego-Maschine über andere Texte echauffiert. Es ist kein Ergeilen an seinen eigenen Werken. Er stellt es einfach nüchtern fest. Sein Drink ist stark gemischt. Die Bar eigentlich zu laut und zu voll, um ordentlich miteinander reden zu können. Viele Texte, möchte er sagen, sind scheiße und ihre Verfasser*innen merken es nicht.

Ich habe plötzlich Angst, ihm meinen Text vorzulegen. In all seiner ekelhaften Mittelmäßigkeit und mit all den abgedroschenen Phrasen.

Eine Menge Ego auf wenig Können

„Es ist ganz unerträglich.“ Auf der letzten Silbe hebt er seine innere rechte Augenbraue. „Die Personen, die nichts können aber viel machen.“ Er schüttelt einmal kaum merkbar den Kopf, als möchte er diesen Gedanken loswerden, der sich angeheftet hat. „Eigentlich ist es nur das Missverhältnis. Ich werde damit konfrontiert, dass sie mittelmäßig sind und sich feiern können. Ich beneide sie dafür.“ Aha, am Grunde von allem findet sich also das niederträchtige Gefühl? „Es ist eine Wut, und sie ist gemein und unfair. Sie kommt unbewusst, und ich kann mir das nicht zugestehen.“ Eigentlich hat er sich das genau dann zugestanden, als der Satz seinen Mund verlassen hat.

Viktor bezweifelt, dass er bisher etwas erreicht hat. Es ist ein täglicher Kampf: sich aufplusternde, wenig talentierte Personen gegen ihn, die wandelnde Selbstkritik.
Getrieben wird er dabei von Angst. Der Furcht vor Stagnation. „Ich habe sonst keine Substanz mehr, mich wertzuschätzen. Ich bin kein Karrierist– also schon, doch. Ich bin Karrierist. Aber nicht aus Geltungsdrang. Ich halte nur ein Überlebensgefühl aufrecht.“

Dann sagt er prompt: „Ich bin ein gutes  Beispiel für einen Menschen, der nur aus Selbstzweifeln besteht und in der Branche bestehen kann.“ Es sind seltsame Wirrungen aus Selbstzweifeln und überheblich daherkommenden Aussagen, die aber durch die Strahlkraft seiner Texte geerdet werden.

Er macht sich keine Gedanken mehr um seine Ausbildung, die er nicht hat. Viktor ist einfach nur froh, Jura beendet zu haben. Er hat seinen Beruf gefunden und ist glücklich damit.
Wenn ihm alles über den Kopf wächst, geht er allerdings einem Hobby aus seiner Jura Zeit nach. Er golft. Zur Entspannung.

* Name geändert

Foto: Garzhia via Flickr unter CC-BY-NC-2.0 unten: privat

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